• Israel Reiseleiter

Österreichisches Hospiz in Jerusalem

Das Österreichische Hospiz an der Via Dolorosa ist kurz gesagt eine kaiserlich-königliche Oase mitten im Chaos der Altstadt von Jerusalem: „Klein Österreich“ mit Kaffee und Apfelstrudel, serviert mit dem Charme der Donaumonarchie. Nirgendwo sonst treffen Orient und K.u.k. Oxident so aufeinander wie im Österreichischen Hospiz.

Die Politik


Das Interesse Europas am Heiligen Land stieg Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem eine Allianz aus Österreich, Großbritannien, Preußen und Russland den Vormarsch der Ägypter gestoppt, und somit das Osmanische Reich gerettet hatte. Konsulate und kirchliche Einrichtungen wurden durch Österreich, Großbritannien, Preußen, Frankreich, und Russland eröffnet.


Der österreichische Konsul schlug den Bau einer Kirche mit Pilgerhospiz vor, unterstützt wurde er dabei vom Wiener Erzbischof. Das Grundstück wurde im Jahre 1855 gekauft - ermöglicht aufgrund der freundschaftlichen Beziehung zwischen den Habsburgern und dem Osmanischen Reich. Kaiser Franz Joseph I war nicht nur Kaiser von Österreich und König von Ungarn, sondern seinem Titel nach auch König von Jerusalem.

Die Geschichte


Die Gründung des Hospizes verursachte damals heftige Streitigkeiten unter den katholischen Mächten in Jerusalem. Kaiser Franz Joseph war bestrebt, die kirchliche Position Österreichs in der Heiligen Stadt zu festigen. Doch der katholisch-lateinische Patriarch von Jerusalem zankte mit den österreichischen Franziskanern darüber, wer das Spital für Pilger leiten sollte. Es wurde intrigiert, und der Patriarch drohte sogar mit Gewalt im Namen Jesu. Am Ende wurde das Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie in Jerusalem (so der formelle Name) unter staatliche Obhut gestellt. Die Finanzierung wurde durch private Spenden und Kirchenkollekten gesichert.


Um die 3000 Araber schleppten Bauschutt und Erde durch die engen Gassen und karrten Baumaterial heran. Österreich wurde zeitweilig zum größten Arbeitgeber Jerusalems. Allerdings uferten die Kosten aus, und es wurden Abstriche beim Bau notwendig – dadurch entstand ein Teil des Gartens.


Die Eröffnung war im März 1863, was das Österreichische Hospiz zum ältesten Pilgerhospiz im Heiligen Land macht. Im Jahr 1869 stand der Besuch von Kaiser Franz Joseph I. an, nachdem dieser an der Eröffnung des Suez-Kanals teilgenommen hatte. Aus Konstantinopel wurde Geschirr für den Kaiser geliefert, auch für die Speisen seiner Majestät sorgten die Diener des Sultans. Dem „Franzerl“ gefiel dies, und er schrieb der „Sissi“ im Brief wie gut es ihm im Pilgerhaus ergehe, und lobte explizit die sauberen Zimmer.


Seit dem Ende der Kreuzfahrerzeit - Ende des 13. Jahrhunderts - war dies der erste Besuch eines europäischen Monarchen. Pilger und Touristen strömten ins Heilige Land und eine regelrechte Tourismuslawine begann.


In den Fluren des Hospizes hängen noch heute Bilder und Beschreibungen der Besuche von Königen, Prinzen, Fürsten, Grafen, Bischöfen, Herzögen, Politkern, und Staatsoberhäuptern, die dem Österreichischen Hospiz einen Besuch abgestattet hatten. Allerdings kam der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1898 nicht vorbei, obwohl er eine ganze Woche in Jerusalem weilte. Darf ich den deutschen Kaiser einen „Piefke“ nennen?

Um 1900 trafen Schwestern des Hl. Karl Borromäus Ordens ein, und für sie wurde das Schwesternhaus erbaut.


Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 endete die Pilgerwelle, denn es wurde auch in Jerusalem gekämpft. Das Hospiz wurde zum Treffpunkt für deutsche und österreichisch-ungarische Militärs. Die Briten nahmen Jerusalem 1917 fast kampflos ein, und nutzten ab 1918 das Österreichische Hospiz als anglikanisches Waisenhaus für christlich-syrische Kinder. Ein Jahr später wurde es an das österreichische Kuratorium zurückgegeben.


Mit dem Zerfall der Donaumonarchie machten Ungarn, die Tschechoslowakei und Slowenien Besitzansprüche am Hospiz geltend. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wurden die Zimmer an britische Offiziere und an ein paar Abenteurer und Entdecker vermietet.


1939 beschlagnahmten die Briten das Hospiz, da sie es aufgrund des Anschlusses Österreichs als deutsches Eigentum ansahen. Es wurde zum Internierungslager für österreichische, deutsche und italienische Priester und Ordensleute. Zwischen 1945 und 1947 nutzten die Briten den Ort als eine Offiziersschule, in der auch der spätere israelische Außenminister Abba Eban unterrichtete.


Als die Briten Januar 1948 sich aus der Altstadt zurückzogen, übernahm das Rote Kreuz die Verwaltung des Österreichischen Hospizes und nutzte es als Feldlazarett.

Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 wurden die Gebäude beschädigt. Nach dem Waffenstillstand beschlagnahmte die jordanische Armee das Hospiz und nutzte es als Krankenhaus, da die gesamte Altstadt in jordanische Hände gefallen war. Österreichische Ordensschwestern arbeiteten unter jordanischer Verwaltung weiter.


Der junge Hussein begleitete seinen Großvater König Abdallah von Jordanien bei einem Besuch in Jerusalem. Vor der Al-Aqsa-Moschee wurde ein Terroranschlag seitens eines Palästinensers auf den König verübt. Der Monarch wurde ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht – das Österreichische Hospiz, wo er dann kurze Zeit später verstarb. 1961, inzwischen schon König Hussein, besuchte er den Ort, an dem sein Großvater verstarb.


Im Sechs-Tage-Krieg 1967 kam das Hospiz unter israelische Kontrolle. Die Araber wollten es als Krankenhaus fortführen, Israel wollte das Krankenhaus schließen, und Österreich wollte es wiederhaben und als Pilgerhospiz nutzen. Erst 1985 wurde das Krankenhaus endlich geschlossen, und das Hospiz an die Wiener Erzdiözese zurückgegeben. Drei Jahre später - nach einer aufwendigen Renovierung - wurde das Haus endlich wieder zum Pilgerhospiz.

Das Hospiz heute


Eine unscheinbare Fassade, mit einem noch unscheinbareren Schild neben einer massiven Holztür: Hinter ihr bleiben die Hektik der Altstadt und ihre Konflikte zurück. Nachdem man um die 20 Treppenstufen hinaufgestiegen ist, erwartet Einen der Garten und der Eingang in das Gebäude. Hier gibt es eine Möglichkeit zur Begegnung zwischen den ethnischen und religiösen Konfliktparteien Jerusalems auf neutralem österreichischen Boden.


Die Hauskapelle hinter der Rezeption lädt zum Gebet ein, und ein Jeder ist willkommen an den Messen teilzunehmen.

Im ersten Stock befindet sich gleich gegenüber der Treppe der Salon mit seiner Bücherei und seiner prachtvollen Deckendekoration. Einst der Speisesaal der Pilger, finden hier heute Vorträge und kleine Konzerte statt. Die Aussichtsterrasse auf dem Dach wurde nach der langjährigen guten Seele des Hauses, der Schwester Bernadette, benannt. Hier steht ein Steinkreuz mit der Inschrift „gespendet von der österreichischen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ - und daneben weht die Österreichische Fahne über dem moslemischen Viertel der Altstadt. Von hier aus hat man alles im Blick: Synagogen, Moscheen, Kirchen, Klöster, Stadtmauer, Basar, enge Gassen und die vielen Wohnhäuser, die dazwischen eingepfercht sind. Selbstverständlich können christliche Pilger, und auch nicht so religiös orientierte Besucher, hinter den alten und historischen Mauern übernachten, zu buchen direkt unter Austrian Hospice. Ein Vorteil für die Gäste ist es, dass hier eben auch Deutsch gesprochen wird, und den Wiener Dialekt gibt es gratis hinzu.


Café Triest


Das einzige Wiener Kaffeehaus im gesamten Nahen Osten war bis 1984 ein Röntgensaal, und im Jahr 2018 wurde es auf “Café Triest” getauft - in Erinnerung an den Ausgangspunkt der ersten Pilgerfahrten der ehemaligen k.u.k. Stadt Triest.


Im Hintergrund ertönt leise klassische Musik, bordeauxrote Polsterbänke und Stühle, kleine und runde Holztische, an der Decke Kronleuchter, und an der Wand ein dominierendes Gemälde vom Kaiser Franzl - wie er hier genannt wird. An der Theke gibt es Gösser Bier und original Meinl Kaffee - importiert aus Wien. Aber jetzt wird es kompliziert: Bitte nicht nach einer Tasse oder einem Kännchen Kaffee fragen, hier gibt es das braune Getränk unter den Namen Kleiner oder großer Brauner, Verlängerter, Melange, Kapuziner, Franziskaner, Fiaker, oder Einspänner.

Aber auch ein wenig internationaler Flair hat in den letzten Jahren Einzug gehalten: Der Apfelstrudel kann mit Euro, Dollar, Schekel und sogar mit Kreditkarte bezahlt werden!


Und wer zwischen Sachertorte und einem Fiaker seine Postkarten geschrieben hat, kann diese an der Rezeption in den gelben Briefkasten der österreichischen Post einwerfen.

Gerne können wir im Rahmen einer Jerusalem Tour das Österreichische Hospiz besuchen. Und dann haben Sie haben die Qual der Wahl zwischen Sachertorte mit Melange, Wiener Schnitzel mit einem kalten Gösser Bier – oder doch lieber den Apfelstrudel mit Schlag und Kapuziner?

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