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Jugendstil in Tel Aviv: Bezalel Kacheln

Aktualisiert: Feb 26

Wer heute durch die Straßen im alten Gründungsviertel von Tel Aviv schlendert, sieht hier und da farbenfrohe Kacheln an den Hausfassaden – die Bezalel Kacheln des Jugendstils.

Im Jahr 1924 wurde an der Bezalel Akademie für Kunst und Design ein Keramikstudio gegründet: Die Geburtsstunde der "Bezalel Kacheln", die dann die Straßen und Häuser der 20-ziger Jahre in Tel Aviv zierten. Der nicht so bedeutende Maler und Bildhauer Boris Schatz gründete in Jerusalem kurz vor Ende der osmanischen Herrschaft die Kunstschule Bezalel – und hier wurde er der frühe wichtige Kunstlehrer in der Heiligen Stadt. Heute ist die Bezalel-Akademie die größte Design- und Kunsthochschule im gesamten Nahen Osten. Warum der Name Bezalel? Bezalel war der erste biblische Architekt und Designer: Er erhielt die göttliche Berufung zum Bau der Stiftshütte (Exodus 31:1 und 35:30).


Es fing an mit einer Abteilung Malerei auf Porzellan, die sich dann zu einem vom Jugendstil beeinflussten Design auf Wand- und Fußbodenfliesen entwickelte. Die Kacheln wurden aus England und Deutschland importiert, und nach dem Bemalen glasiert und gebrannt. Die Motive waren beeinflusst von der jüdischen Tradition, der Bibel und des Zionismus - mit Tieren, Pflanzen und Landschaften des verheißenen Landes. Aber auch Straßennamen auf Hebräisch, Englisch und Arabisch, Baujahr und Besitzer eines Hauses oder Name einer Schule wurden auf die Kacheln gemalt. Die Farben waren kräftig, und die Ränder reich verziert.

Allerdings musste dieser Zweig der Bezalel Akademie 1929 seine Tore nach nur 5 Jahren schließen. Die Kacheln waren kein Preis-Schnäppchen, und aufgrund der Rezession im britischen Mandatsgebiet Palästina war die Mittelschicht finanziell nicht mehr in der Lage für solche Dekorationen Geld auszugeben.


In Jerusalem konnte diese Dekoration an und in den neuen Häusern nicht Fuß fassen, denn der Prophet ist im eigenen Land nichts wert, das sagte schon vor 2000 Jahren Jesus. Aber in der wenige Jahre vorher gegründeten ersten zionistischen Stadt Tel Aviv war man begeistert von diesem letzten Chic aus Jerusalem, und es wurde ein Mode-Accessoire der Bauherren. Dutzende Kachelmotive zierten private und öffentliche Gebäude. Leider sind bei Gebäudeabrissen Jahrzehnte später mindestens 15 Häuser mit Kachelmotiven verloren gegangen, und noch schlimmer was es mit den Kacheln der Straßennamen, heute kann man sie an einer Hand abzählen.

Hier ein paar gute Beispiele von Gebäuden mit den bemalten Kacheln an den Wänden:


Ahad Ha’am 37 – Knabenschule


1924 als städtische Knabenschule erbaut, war es das erste Gebäude das die brandneuen Bezalel Kacheln an der Fassade zeigte. Bis heute eines der eindrücklichsten Beispiele dieser Kunstform. Der Name der Schule wurde nach dem Zionistenführer, Journalisten, Schriftsteller und Ehrenbürger Tel Avivs, Ahad Ha’am, gewählt, und nach beiden wurde später auch die Straße benannt.

Über der Eingangstür sind die 12 Stämme Israels in einer horizontalen Anordnung zu sehen, darüber die Stadt Jerusalem mit dem Psalm 137:5 „Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren“. An beiden Seiten auf blauem Hintergrund ein Paar geflügelter Löwen mit einer Menora in der Mitte. Ganz oben eine Malerei nach dem Jesaja Zitat 11:6 „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen“ - eine klare zionistische Message.

An der linken Fassadenseite sind Hebron mit den Gräbern der Patriarchen, und Jaffas Altstadt dargestellt – die Geschichte von Volk und Land, an der rechten Seite Tiberias mit den Kibbuzim am See Genezareth und Haifa mit dem Technion – die modernen zionistischen Zentren.

Ahad Ha’am 35 –Prophetenhaus


Erbaut im eklektischen Stil (salopp gesagt ein Eintopf aus diversen Baustilen) im Jahr 1925 als Geschäftshaus mit Wohnung im oberen Teil. An der Fassade sind Medaillons von einem König und drei Propheten (von links nach rechts): König David, Jeremia, Jesaja und Elija. Vor gut 20 Jahren wurde das Gebäude von Grund auf saniert und ein neuer Teil mit Glasfassade aufgebaut.

Allenby 116/Rothschild 29 – Lederberg Haus


Die später mehr als stadtbekannten Bauhaus Architekten Joseph Berlin and Yehuda Magidovich bauten diese Residenz in 1922 im damals sehr verbreiteten eklektischen Stil mit Jugendstil-Elementen.

Fast fertig renoviert, glänzen die Kacheln mit den Motiven eines Hirten, Säer und Mann mit Sense basierend auf Psalm 126:5 „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Und eine Darstellung Jerusalem nach Jeremia 31:4 „Ich baue dich wieder auf, Tochter Zion".


Allenby 89, Moshav Zkenim Synagogue


Erbaut 1926 von dem etwas eigenwilligen Architekten Yehuda Magidovich, nagt leider der Zahn der Zeit unaufhörlich an der einst prachtvollen, aber heut zu tage geschlossenen Synagoge. Tel Aviv wurde im Laufe der Jahrzehnte immer säkulärer.


"Der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land. Ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Datteln gibt." (5 Moses 26:1) Auf den Kacheln links und rechts vom Eingang sind die Sieben Arten dargestellt, dazu auf der einen Seite die 12 Stämme Israels, und, oh Wunder, auf der anderen Seite die Sternzeichen. Was haben griechisch heidnische Motive bitte an einer Synagoge zu suchen? Wer die etwa 1500 Jahre alten Synagogen von Beit Alpha und Hammat Tiberias im Norden Israels besucht hat, kennt die Antwort: Hat man von der christlichen Kultur abgekupfert!

Nahalat Binyamin 13 – Shmuel Levy Haus


Erbaut 1926 im Eklektizismus als Geschäftshaus mit Laden im Erdgeschoß und nobler Wohnung oben drauf. „Und die Karawane zieht weiter“ scheinen die Kamele und Esel auszudrücken – zu dieser Zeit zogen noch Kamel-Karawanen am Strand von Tel Aviv entlang!


Selbstverständlich sind die Bezalel-Kacheln auch ein Teil meiner Tel Aviv Touren, bitte schauen Sie sich meine Stadtführungen einmal an.


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