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Jerusalems "Schtetl": Mea Shearim

Aktualisiert: Nov 25

Mea Shearim, das osteuropäische Schtetl der streng-religiösen Juden unweit der Altstadt Jerusalems, versetzt den Besucher in die Welt von „Tewje dem Milchmann“, dem Roman des jüdischen Schriftstellers Scholem Alejchem, oder dem Musical Anatevka, zurück. Und die Deutschen hatten ihre Finger im Spiel: Erbaut wurde Mea Shearim vom christlichen Missionar Conrad Schick.

Der kirchliche Architekt und das Ghetto


Mit dem Bau des 5. jüdischen Viertels außerhalb der Stadtmauern wurde der württembergische evangelische Missionar und Architekt Conrad Schick beauftragt, der bekannt war für seine Kirchengestaltung, christlichen Krankenhäuser und Schulen. Baubeginn war 1874, und der Wochenabschnitt der Torah war Genesis 26:12: „Isaak säte Samen in diesem Land und erntete im selben Jahr hundertfach (auf Hebräisch Mea Shearim) und der Herr segnete ihn“. So bekam das Viertel seinen Namen. Die Übersetzung „100 Tore“ ist in diesem Fall definitiv nichtzutreffend.


Das Land gehörte dem arabischen Dorf Lifta und war das nächstgelegene Land, das nahe der Altstadt zur Verfügung stand. Aufgrund seiner Isolation war das aber Gebiet anfällig für Angriffe arabischer Plünderer. Religiöse Juden Jerusalems wollten den engen Verhältnissen in der Altstadt entkommen und gründeten eine Baugesellschaft namens Mea Shearim. Vor den Toren der Altstadt errichten sie eine als autarke Kooperative angelegte eigene Siedlung.


Die zwei- bis dreistöckigen Häuser wurden um einen rechteckigen offenen Hof gebaut. Die Fenster waren überwiegend nach innen gerichtet, und schufen von außen das Gefühl von einer Mauer umgebenen zu sein, mit nur sechs Eisentoren die nachts verschlossen wurden. In der Mitte eines jeden des Hofes stand der gemeinsame Brunnen, darunter befand sich die Zisterne, in der sich das Regenwasser sammelte. Es klingt ein bisschen wie das jüdische Ghetto des Mittelalters, aber es wurde so gebaut, dass es die Gemeinschaft schützt. Die Gründer kamen hauptsächlich aus Polen und Litauen und kannten die Pogrome.


1882 waren die ersten 140 Wohnungen bezugsbereit, und sie wurden durch eine Lotterie verteilt. In der Mitte war ein Markt. Bis zur Jahrhundertwende entstand eine komplexe eigene Kleinstadt mit rund 300 Wohneinheiten innerhalb Jerusalems. Anfangs wurde das Viertel das „Paris des Orients“ genannt, weil hier Messen stattfanden, die mit der Zeit gingen und als Erste europäische Neuheiten vorstellten.

Typisch für Mea Shearim


Das Ambiente ist das der „Schtetls“, wie sie noch bis zu ihrer Vernichtung im Holocaust in Ost-Europa existierten. Es ist ein Eintauchen in eine Welt die es inzwischen nicht mehr gibt – außer hier in Mea Shearim. Seine Bewohner halten sich strikt an die traditionelle Auslegung der Tora und an die Mitzwot (Gebote), die schon seit mehr als 3000 Jahren von Lehrer zu Schüler, und von Eltern zu ihren Kindern weitergegeben wird. In Mea Shearim gilt die strikte Einhaltung der Schabbatruhe, der jüdischen Feiertage, und der Reinheitsgebote.


Mit mehrsprachigen Hinweisschildern wird an den Eingängen zum Viertel auf die de-facto herrschenden Verhaltens- und Kleidungsvorschriften hingewiesen, die auch von Besuchern zu beachten sind.

Am Schabbat dürfen Autos im Viertel nicht befahren, sämtliche von Menschen bediente elektrische Anlagen werden nicht genutzt, und das Benutzen von Fotoapparaten, Mobiltelefonen usw. auf der Straße wird von den Bewohnern nicht geduldet. Grund dafür ist die Schabbatruhe, in der kein Feuer gemacht werden darf. In Hinblick auf dieses Gebot der Tora werden der elektrische Funke beim Einschalten der Zimmerbeleuchtung, oder der gestartete Automotor dem Anzünden von Feuer gleichgesetzt. Diese Art der Einhaltung der jüdischen Gebote (wurde bis zum Auftreten des Reformjudentums im 19. Jahrhundert von allen jüdischen Gemeinden praktiziert) - ist die Weiterführung dieser alten Tradition in der Moderne.


Sehr sehenswert sind auch heute noch die „Batei Ungarn“. Diese wurden von Mitgliedern der Neturei Karta aus Österreich, Ungarn und Böhmen gegründet. Bis 1901 wurden den Mitgliedern die 120 Wohnungen kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Bewohner


Neben religiösen Juden aus anderen Teilen Palästinas, siedelten sich vor allem halachisch lebende Juden aus Polen und Ungarn in Mea Shearim und seiner unmittelbaren Umgebung an.


Kurz vor der Jahrhundertwende wuchs die ultra-orthodoxe Gemeinde und nahm bis 1935 kontinuierlich zu. Die wachsende Bevölkerung breitete sich in die nahegelegenen traditionellen oder sogar säkularen Viertel aus, heute werden häufig alle ultra-orthodoxen Viertel in der Umgebung als Mea Shearim bezeichnet. Hier ist heute die Alltagssprache vornehmlich Jiddisch.


Ein Regelwerk organisiert das Gemeinschaftsleben und sichert die gegenseitige Hilfe und das Wohlergehen seiner Bewohner. Die einzelnen Gemeinden unterhalten ihre eigenen Kindergärten und Schulen, „Jeschiwes“ (Schulen für Torah-Studien) und Suppenküchen. De-facto ein Staat-im-Staat Israel.

Die antizionistische, extremistische Neturei Karta Gruppierung („Wächter der Stadt“ auf Aramäisch) spaltete sich von der Agudat-Israel-Bewegung ab, und es herrscht heute offene Feindschaft zwischen den beiden Gruppen, und ihren diversen Untergruppen.


Ultra-orthodoxe: Haredi, Chassidisch, Mitnagdim


Ultra-orthodox ist nicht gleich ultra-orthodox, es gibt eine Vielzahl von Gruppierungen und Untergruppen. Das Wort „Haredi“ ist ein modernes hebräisches Wort und bedeutet „Gottesfürchtiger“. Das Haredi-Judentum entstand als direkte Reaktion auf zwei weitreichende Veränderungen, die das europäische Judentum in der Neuzeit erlebte: Emanzipation und Aufklärung (daraus entstand das Reformjudentum gerade in Deutschland).


Die chassidischen („Pietist“, Frömmigkeit“) Juden sind eine kleine Gruppe innerhalb der Haredi-Gemeinde. Die Bewegung entstand als spirituelle Erweckungsbewegung in der Westukraine im 18. Jahrhundert und breitete sich schnell über ganz Osteuropa aus. Als Gründungsvater gilt Israel Ben Eliezer, der „Baal Shem Tov“. Der zeitgenössische Chassidismus ist eine Untergruppe des ultra-orthodoxen („Haredi“) Judentums, und ist bekannt für seinen religiösen Konservatismus und seine soziale Abgeschiedenheit.

Der Begriff „Mitnagdim“ bezieht sich im Allgemeinen auf Gegner der Chassiden. Ihr Zugang zum Judentum war geprägt von einer Konzentration auf hochintellektuelle Talmudstudium und nicht auf unmittelbarer spiritueller Erfahrung wie bei den Chassidim.



Familienleben


Ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung Mea Shearims ist auf Israels Sozialsystem angewiesen, und lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Gründe hierfür sind unter anderem mangelnde Schulbildung, viel Zeit und Geld wird in die strikte Ausübung der Religion investiert, und natürlich die hohe Geburtenrate; 6-8 Kinder sind der Standard. Sehr häufig sieht man den Vater einen Kinderwagen schieben, und die Kinderschar um ihn herum - und die Mutter ist dann häufig die Ernährerin der Familie.


Geheiratet wird sehr jung, im Alter von 18 bis 20 Jahren und das Paar lernt sich meistens mit Hilfe des traditionellen "Schadchen" (Heiratsvermittler) kennen.

Schwarz-Weiß


Die Standardkleidung der Männer der meisten ultra-orthodoxen Juden ist ein schwarzer Anzug oder Kaftan, und ein weißes Hemd, sowie schwarze Hüte diverser Formen und Größen, samt Kippa (Schädelkappe) darunter. Die Form und Länge des Jacketts deutet auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe innerhalb der ultra-orthodoxen Gemeinschaft hin. An Feiertagen und am Schabbat wird der „Schtreiml“, ein Pelzhut meistens aus Zobel- oder Kaninchenfell getragen. Kaum die ideale Kopfbedeckung bei unserer Sommerhitze!

Eine Ausnahme ist die chassidische Toldot Aharon Yeshive, bekannt für ihre extreme Strenge und ihre studentische Kleidung: „Zebra“-gestreifte Roben mit weißen Schädelkappen.


Die Kleiderordnung für Frauen ist weite lange Röcke und lange Ärmel, hohe Ausschnitte, Strümpfe und, wenn sie verheiratet sind, irgendeine Form von Haarbedeckung. Manche tragen ein Kopftuch, eine Mütze, oder eine Perücke. Häufig sieht die Kleidung nachlässig und bewusst unattraktiv aus.

Straßenplakate (Paschkvil)


Israelisches Fernsehen oder moderne Zeitungen sind in der ultra-orthodoxen Gesellschaft ein striktes Tabu. Es gibt ultra-orthodoxe Zeitungen, aber nicht jeder kauft sie. Die Informationen auf den Straßenplakaten werden von den Oberrabbinern der verschiedenen Gemeinschaften gefiltert und kontrolliert an die Öffentlichkeit weitergegeben. Da werden Beerdigungen, Demonstrationen, große Hochzeiten, Geschäftseröffnungen und Ahnliches für die Gemeinde entlang der Straßen gehängt.

Straßenplakate (Paschkvil) in Mea Shearim
"Tagesschau" im Stil von Mea Shearim

Spendenboxen (Tzedakah)


An Bedürftige zu spenden ist eine Verpflichtung aus der Bibel, und somit eines der 613 jüdischen Gebote. Und somit sieht man überall Spendenboxen diverser Formen und Größen in Geschäften, entlang der Straßen, an Synagogen oder Bushaltestellen. Der Zweck ist immer auf der Box vermerkt, damit jeder entscheiden kann wofür er spenden möchte.

Das Wort Tzedakah basiert auf dem Wort Tzedek (Gerechtigkeit), und ist verwandt mit dem Wort Tzadik (Gerechter).

Besuchertipps


Aus meiner Sicht ist Donnerstag nachmittags, oder Freitag vormittags am interessantesten, um die Einkäufe und Vorbereitungen zum Schabbat mitzuerleben. Empfehlenswert ist es in die kleinen engen Gassen einzutauchen und auch einen Blick in die Innenhöfe zu werfen.


Wichtig ist es aber die Lebensweise der Bewohner des Viertels zu respektieren. Damen tragen bitte lange Röcke (oder weite lange Hosen) und bedecken Ellbogen und Dekolleté, Herren tragen lange Hosen und bedecken Ihre Schultern. Fotografieren ist an Arbeitstagen erlaubt, aber bitte nicht die religiösen Einwohner mit der Kamera „abschießen“ und sie zum „Affen im Zoo“ degradieren, sondern diskret fotografieren und auch (auf Deutsch) um Einverständnis bei Personenaufnahmen oder in Synagogen fragen – und dann ist ein einmaliges Erlebnis garantiert!

Selbstverständlich ist Mea Shearim auch Teil meiner Jerusalem Tour „Auszug aus den Mauern“.


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