Der Strauß in Israel: Mythen, Bibel und zoologische Fakten

Aktualisiert: 13. Sept.
"Kopf in den Sand stecken? Das mache ich niemals im Leben!“, würde ein Strauß sagen, wenn er sprechen könnte. Die Redewendung von der „Vogel-Strauß-Politik“ hält sich zwar hartnäckig, entspricht aber keineswegs der Realität. Der Strauß ist ein faszinierendes Geschöpf, das sowohl in den alten Schriften des Nahen Ostens als auch in der modernen Zoologie eine erstaunliche Rolle spielt.
Ausgestorben im Nahen Osten: Der Arabische Strauß
In biblischen Zeiten war der Arabische Strauß (Struthio camelus syriacus) in den Halbwüsten und Wüsten des Nahen Ostens heimisch. Als begehrter Lieferant von Fleisch, Leder, Eiern und den kostbaren Federn wurde dieser Laufvogel intensiv seit der Einführung von Feuerwaffen gejagt. Vor etwa 75 Jahren wurden die letzten frei lebenden Exemplare auf der Arabischen Halbinsel und in Jordanien erschossen; Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Unterart als vollständig ausgerottet.
Vogel Strauß im Judentum
In den jüdischen Speisegesetzen (Kaschrut) gehört der Strauß zu den nicht-koscheren Tieren. Sowohl in Levitikus 11,13–16 als auch in Deuteronomium 14,12–15 wird er als unrein und verabscheuungswürdig bezeichnet, und darf nicht verzehrt werden.
In der Hebräischen Bibel (Tanach) kommt der Strauß symbolisch selten gut weg. Er wird oft als düsterer Wüstenbewohner dargestellt, dessen klagender Ruf Einsamkeit und Trauer versinnbildlicht:
Hiob 30,29: Vergleicht seine Leiden und sein Klagen mit den unheimlichen Rufen der Strauße in der Öde.
Hiob 39,13–18: Hier wird der Straußenhenne nachgesagt, sie überlasse ihre Eier sorglos dem Staub und vergesse, dass Tiere sie zertreten könnten, und sie sei eine Rabenmutter. Die Bibel schreibt hier zugespitzt, Gott habe ihr die Weisheit versagt.
Im Klagelied 4.3 wird auf das Klischee hingedeutet, das Mütter sich um den Nachwuchs zu kümmern hätten, und auch die Väter wie bei den Straußen.
Micha 1:8 – hier wird auf den Unheil bringenden und jammernden Ruf des Straußes eingegangen
Jeremia 50,39, Jesaja 13,21 und 34,13: In den Prophezeiungen über das zerstörte Babel oder Edom ) symbolisiert der Strauß Zerstörung, Ödland und Elend
Jesaja 43,20: Am Ende steht Hoffnung - selbst die Tiere der Wüste, inklusive der Strauße, werden Gott ehren, wenn Wasser in die Einöde gebracht wird – ein Gedanke, den Israels Staatsgründer David Ben-Gurion bei der Begrünung der Negev-Wüste aufgriff.
Zoologische Fakten: Wie viel Wahrheit steckt in den Mythen?
Die moderne Verhaltensbiologie zeichnet ein völlig anderes Bild als die antiken Überlieferungen:
1. Vorbildliche Elternarbeit statt Rabenmutter
Entgegen dem biblischen Klischee der vernachlässigten Eier teilen sich Strauße die Brutpflege vorbildlich. Die Haupthenne legt ihre Eier zusammen mit weiteren Hennen in ein gemeinsames Sandnest. Den Großteil der beschwerlichen Nachtbrut übernimmt der Hahn, da sein dunkles Gefieder im Dunkeln perfekt getarnt ist. Tagsüber brütet die Henne in ihrem gut getarnten gräulichen Federkleid- Sobald die Küken schlüpfen, verteidigen beide Eltern ihre Jungen mit enormer Körpereinsatzbereitschaft.
2. Gefährliche Kraftpakete der Wüste
Vogel Strauß ist keineswegs wehrlos. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 70 km/h hängte er selbst Rennpferde ab. Seine Beine sind hochgefährliche Waffen: Ein gezielter Tritt mit den scharfen Klauen kann für Fressfeinde wie Löwen oder Leoparden – und für Menschen – tödlich sein. Vielleicht auch dies ein Grund warum der Strauß nicht koscher ist, denn es war gefährlich ihn zu jagen.
3. Gehirngröße und Sinnesleistungen
Mit einem Körpergewicht von 90 bis 150 kg besitzt der Strauß ein Gehirn von nur etwa 40 Gramm. Zum Vergleich: Das Gehirn eines Menschen wiegt ca. 1.400 Gramm. Allerdings benötigt der Strauß kein komplexes Denken, sondern hervorragende Reflexe: Seine Augen sind mit einem Durchmesser von rund 5 cm größer als sein Gehirn und ermöglichen eine exzellente Rundumsicht.
Der Strauß in der christlichen Symbolik
In der christlichen Ikonografie entwickelte sich ein vielschichtiges Bild. In orthodoxen Kirchen stehen Straußeneier als Symbol für Wachsamkeit und Auferstehung. Ein Strauß, der auch in Gefahr seine Eier behüte, dient dies als Mahnung an Priester den Blick auf ihre Gläubigen zu richten. Da der Strauß sein Gelege nie aus den Augen verliert, so soll der Gläubiget seine ungeteilte Aufmerksamkeit Gott zukommen lassen.
Im europäischen Mittelalter hingegen galt der Strauß phasenweise als Sinnbild für den Sünder, der seine geistlichen Pflichten vergisst.
Ansiedlungsprojekte in Israel: Der Nordafrikanische Strauß
Um den ausgestorbenen Arabischen Strauß zu ersetzen, begann man 1973 im Wildreservat Hai-Bar Yotvata (etwa 40 Kilometer nördlich von Eilat) mit der Zucht des eng verwandten Nordafrikanischen Straußes (Struthio camelus camelus). Genetisch, und optisch ist dieser ihm am nächsten - nur größer und kräftiger als der Arabische Strauß.
Nachdem man die ersten Strauße hier wortwörtlich in die Wüste schicken wollte, stellte sich heraus, dass man diese Gesellen nicht auf die Menschheit loslassen kann. Die Strauße haben sich zu rotzfrechen Vögeln gemausert und Angriffe auf Menschen wären vorprogrammiert. Wer heute durch den Hai-Bar-Park fährt, erlebt hautnah, wie unerschrocken Strauße auf Fahrzeuge reagieren – und wenn sie etwas fressbares durch die Schreibe entdecken, attackieren sie mit Schnabel, und eventuell sogar mit Fußtritten, das Auto.
Der Mythos: Steckt der Strauß wirklich den Kopf in den Sand?
Nein, das ist eine reine optische Täuschung! Bei drohender Gefahr legen sich brütende oder ruhende Strauße flach auf den Boden und strecken ihren langen Hals lang aus. Aus der Entfernung schmilzt der flache Kopf optisch mit dem flirrenden Wüstenboden zusammen. Der Vogel ist dabei jedoch hochexplosiv und beobachtet seine Umgebung aufmerksam. Definitv keine “Vogel-Strauß-Politik“!
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